Kinderalltag in Kenia

Hier erzählen Kinder aus Kenia ihre Geschichte:

Wie Korruption den Alltag prägt

„In Kenia kann man nicht allen Menschen trauen, vor Allem nicht unseren Politikern. Sie sind korrupt. Jeden Tag, wenn ich zur Schule gehe, muss ich über schlechte Straßen gehen, sodass ich meistens zu spät komme. Obwohl die Regierung Steuern kassiert, werden sie nicht für die Allgemeinheit eingesetzt. Die Offiziellen denken nur an sich selbst. Wenn die schlechten Straßen mal notdürftig repariert werden, kommen die Schlaglöcher schon bald wieder und das führt zu noch mehr Unfällen, bei denen viele Eltern getötet werden. Wenn ich am Abend heimkomme und den Fernseher anmachen will, ist oft kein Strom da. Die Regierung leiht sich zwar Geld von der Welt Bank, um die Versorgung zu verbessern, steckt sich aber das meiste davon selber in die Tasche. Also sind viele Fabriken geschlossen und die Leute werden kriminell, um ihr tägliches Brot zu bekommen. Selbst manche Schulen sind korrupt. Letztes Jahr beim Abschlussexamen war die Bidii Primary School Nummer fünf unter 185 in Nairobi. Insgesamt sechs Schüler waren unter den Top 100. An unserer Schule hatten die guten Schüler keine Chance auf einen Abschluß, weil ihre Eltern kein Schmiergeld hatten. Dieses Verhalten demotiviert uns, hart zu arbeiten. Es macht nämlich gar keinen Sinn gute Noten zu bekommen, wenn man einfach nur jemanden bestechen muss.“

Alyaward Almasi, 13 Jahre, Nairobi.

Auf der Straße überleben nur die Starken

„Als meine Eltern bei einem Unfall ums Leben kamen, musste ich auf der Straße leben. Ich entschied mich dazu, weil ich dachte, hier bekomme ich die notwendigsten Sachen, um zu überleben. Ich dachte, es sei einfach. Aber das Leben auf der Straße war sehr hart. Wenn du nicht angefangen hast zu stehlen, hattest Du nichts zu essen. Also trat ich einer Gruppe von bösen Jungs bei. Ihre Arbeit bestand hauptsächlich aus Klebstoff schnüffeln und Gras rauchen. Sie zwangen mich dazu, diese Drogen auch zu nehmen. Wenn man ihren Regeln nicht folgt, teilen sie nicht mit dir. Die Leute fürchteten uns, weil sie dachten wir stehlen ihnen ihre Autos. Manche zwangen wir dazu, uns ihre Autos zu bringen. Für fünfzig Schilling haben wir die dann weiterverkauft und den Gewinn unter uns fünfen geteilt. Das Problem war aber, dass die älteren Jungs uns dabei oft beobachtet hatten. Dann haben sie uns verprügelt und uns das Geld weggenommen.“

David Owino, 13 Jahre, Mombasa.

Wie ich mein Vertrauen in Gott verlor

„Einst war ich ein wiedergeborener Christ. Ich glaubte, Gott hätte einen Plan für mich, er passt auf mich auf und rettet mich. Meine Wochenenden verbrachte ich damit in einer protestantischen Kirche auf Kinder aufzupassen. Ich half ihnen beim Lesen und Schreiben, den Älteren las ich aus der Bibel vor. An einem Sonntag wurde ich vom Pfarrer aufgehalten und war spät dran. Ich konnte erst bei Dunkelheit losgehen. Als ich durch die dunklen Straßen lief, hatte ich schon ein komisches Gefühl. Plötzlich sprangen drei betrunkene Männer aus einem Hausgang. Einer knebelte mich, ein anderer hielt meine Hände fest und der Dritte schlug mich. Sie zogen mich in einen dunklen Raum, prügelten und traten mich. Es war schrecklich. Ich wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich noch mehr Schmerzen und an meinen Beinen war überall Blut. Ich wurde viele Male vergewaltigt, den Schmerz hatten mir gleich mehrere Männer angetan. Meine Kleider waren zerissen, aber meine Hände waren frei. Ich zog mir den Knebel aus dem Mund und schrie. Ein paar Augenblicke später trat ein Nachbar die Tür ein, schaute kurz und rief seine Frau. Die kam und brachte mir eine Decke, damit ich nicht mehr nackt sein musste. Drei Tage war ich danach im Frauenhospital von Nairobi. Da kümmerten sich wundervolle Doktoren und Schwestern um mich. Sie gaben mir die Pille danach, um eine Schwangerschaft zu vermeiden. Aber ich stand für Monate unter Schock. Ich konnte nicht schlafen, hatte ständig Albträume. Die Erinnerung an die Vergewaltigung ging nie weg. Seitdem traue ich keinem Mann mehr. Seitdem ich das Hospital verlassen habe, war ich nie wieder in der Kirche. Ich habe nie wieder eine Bibel geöffnet und nie wieder gebetet. Ich war immer aufrichtig. Aber, war Gott aufrichtig zu mir ? Heute trainiere ich beim örtlichen YWCA junge Mädchen in Selbstverteidigung und traue nur noch mir selbst.“

Mercy, 17 Jahre.

„Wenn ich Präsident wäre, würde ich die Leute dazu zwingen, HIV-Infizierte nicht zu diskriminieren. Wir sollten AIDS-Opfer wie menschliche Wesen behandeln und nicht als Bedrohung sehen.“

Cleopas Olando, 15 Jahre, Mombasa.

„Viele Eltern wollen lieber Jungs, weil sie sagen, dass Mädchen schneller schwanger und alleinerziehende Mütter werden. Sie sagen, Mädchen bringen Schande über die Familie, Jungs nicht.“

Caroline Wanja, 14. Jahre, Kangeni.

Das Gute am Slum-Leben

„Das Gute am Slum-Leben ist, dass sich die meisten Leute untereinander mögen. Als ich acht Jahre alt war, brannte unser Haus ab und die Nachbarn kamen alle, um zu helfen, unsere Sachen in Sicherheit zu bringen. (…) Ein anderes Beispiel dafür, wie Nachbarn helfen ist, wenn Jemand kein Geld hat, um zum Beispiel Salz zu kaufen. Dann kommen sie und bringen Dir welches.  Aber die Abwasserrohre sind nicht gut im Slum. Wenn eins bricht, läuft der ganze Dreck ins Haus. Doch, was ich den Leuten sagen will ist, dass ein Slum ein guter Ort zum Leben ist, auch wenn es noch einige Probleme zu lösen gibt. Wenn sie dann gelöst sind, kann ich mir keinen besseren Platz vorstellen.“

Veronica Akoth, 13 Jahre, Kiboro.

Alle Geschichten und Fotos sind aus dem Buch „Africa´s Children, Africa´s Treasure“, herausgegeben von Thomas S. Gale. Es vereint Aufsätze von Kindern und Jugendlichen über ihr Leben in Kenia. Alle Rechte liegen bei Thomas S. Gale.

Aus dem Englischen übersetzt von Arno Köster.
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